Technik
Zu hohl fürs Handy?
Vom Telefon bis zur Mikrowelle: Geräte werden immer komplizierter
Waren Sie schon mal kurz davor, Ihr neues Handy vor Wut in die Ecke zu pfeffern, weil das dämliche Ding nicht so wollte wie Sie? Dann willkommen im Klub, Sie sind nicht allein, und – vor allem – Sie sind auch nicht zu blöd. „Schuld ist in solchen Fällen nie der Kunde, sondern immer das Produkt“, sagt der Hamburger Technik-Experte Tim Bosenick.
Hamburg. Waren Sie schon mal kurz davor, Ihr neues Handy vor Wut in die Ecke zu pfeffern, weil das dämliche Ding nicht so wollte wie Sie?
Sind Sie schier verzweifelt beim Versuch, den gerade gekauften DVD-Rekorder zu programmieren oder den Satelliten-Empfänger anzuschließen?
Dann willkommen im Klub, Sie sind nicht allein, und – vor allem – Sie sind auch nicht zu blöd. „Schuld ist in solchen Fällen nie der Kunde, sondern immer das Produkt“, sagt der Hamburger Technik-Experte Tim Bosenick. „Nur ein Gerät, das jeder leicht bedienen kann, ist letztlich ein wirklich gutes Gerät.“
Der Mann muss das wissen. Denn Bosenick (38) ist so etwas wie der Anwalt für Deutschlands leidgeprüfte Endverbraucher. Er ist Gründer und Chef von „Sirvaluse“. Das Unternehmen untersucht technische Produkte im Auftrag der Hersteller auf ihre Bedienungsfreundlichkeit.
Unter die Lupe genommen wird im Prinzip alles, was Knöpfe hat: „Navigationsgeräte, Handys, Notebooks, aber auch Küchengeräte wie Mikrowellen oder Elektroherde“, zählt Bosenick auf.
Schwabbel-Lappen statt Knusper-Pizza
In den Sirvaluse-Testlabors geht’s dabei mitunter zu wie im ARD-Sonntags-Tatort: Hinter einer verspiegelten Glasscheibe beobachten beispielsweise Handy-Entwickler, wie sich nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Probanden auf der anderen Seite der Scheibe vergeblich mit dem fabrikneuen Gerät abmühen. „Wenn da acht von zehn Testkunden nicht einmal den Einschaltknopf finden, beißen die Ingenieure schon mal zerknirscht in die Tischplatte“, sagt Bosenick.
Spaßig geriet unlängst auch der Praxistest einer neuen Mikrowelle. Die Probanden scheiterten gleich reihenweise an der gestellten Aufgabe, eine Tiefkühlpizza mittels Automatikprogramm lecker knusprig zuzubereiten. Weil die ratlosen Tester das richtige Programm trotz verzweifelter Bemühungen nicht starten konnten, produzierte die tolle Hightech-Mikrowelle nur halbkalte schwabbelige Teig-Lappen.
Hauptgrund für solche Frust-Fallen: Moderne technische Geräte können zwar immer mehr, ihre Bedienung wird oft aber auch immer komplizierter. „Viele Hersteller stopfen lieber noch ein Menü und noch einen Button mehr in ihr Produkt, statt auf einfache Bedienbarkeit zu achten“, kritisiert Bosenick. Ergebnis: überfrachtete Produkte, mit denen kaum einer klarkommt. Schlechte Bedienungsanleitungen verschlimmerten das Dilemma.
Kunden kaufen die falschen Produkte
300 verschiedene Geräte-Prototypen testet Sirvaluse pro Jahr. Auf die technikverliebten Ingenieure haben die Untersuchungen oft „erdenden Charakter“, sagt Bosenick. „Die haben sich jahrelang mit ihren Geräten beschäftigt und können anfangs kaum fassen, dass normale Menschen sie nicht kapieren.“ Gebetsmühlenartig erklären die Sirvaluse-Experten dann, warum die Entwickler abrücken müssen vom reinen Ingenieurdenken.
Aber: Ein wenig tragen auch wir Verbraucher zum Dilemma bei. Weil wir die falschen Geräte kaufen! „Die Leute wollen die eierlegende Wollmilchsau und kaufen dann zum Beispiel eben doch das Handy mit den meisten Funktionen“, sagt Bosenick. „Um dann am Ende festzustellen, dass sie damit ja eigentlich doch bloß telefonieren wollen.“
Ulrich Halasz
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