Reportage
Der Polen-Express
Szenen einer Fahrt ins Wirtschafts-Wunderland
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Herz der Hauptstadt: Der Bahnhof in Warschau. Das polnische Schienennetz ist sternförmig angelegt, mit Warschau als Mittelpunkt. |
Vom Sorgenkind zu Europas Musterknaben: Fast unbeschadet hat Polen die globale Krise gemeistert. Wie war das möglich? Fragen wir doch die Polen selbst! AKTIV hat das getan – im proppenvollen Zug von Berlin nach Warschau. Still und leise hat sich Polen zum ökonomischen Musterknaben empor geackert. Als einziges EU-Land konnte Polen letztes Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent der Krise trotzen.
Berlin/Warschau. Der Zug ist noch keinen Meter gefahren, schon motzt der Deutsche. „Gucken Sie“, bellt der rotgesichtige Fahrgast im Berlin-Warschau-Express und tippt auf sein schweißnasses Oberhemd. „Keine Klima-Anlage hier“, Sauerei sei das, und überhaupt, wo bleibe der Schaffner, „man muss sich doch beschweren!“
Waldemar Maniscewski, des Motzkis Gegenüber am Plastiktisch im Bordbistro, nickt höflich. Als der Deutsche weiterzieht, nimmt Maniscewski (55), einen Schluck aus seiner Dose. „Das ist der Unterschied zwischen Deutschen und uns Polen“, sagt er dann. „Ihr kriegt sofort die Krise. Wir trinken erst mal ein Bier.“
Vom Bauzeichner zum Masseur
Polen also. Nicht lange her, da galt unser östlicher Nachbar hierzulande vielen bestenfalls als Heimat von Papst und Solidarnosc. Wer es weniger gut meinte, der dachte gleich an die Auto-Mafia.
Man sollte umdenken. Still und leise nämlich hat sich Polen zum ökonomischen Musterknaben emporgeackert. Als einziges EU-Land konnte Polen letztes Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von
1,8 Prozent der globalen Krise trotzen. Von Januar bis März 2010 kletterte das Bruttoinlandsprodukt gar um über 3 Prozent – so gut war kein anderes Land Europas. Dabei galt Polen im EU-Beitrittsjahr 2004 als Sorgenkind.
Wie schafft man das? Mit Lockerheit allein sicher nicht, das weiß auch Maniscewski, der Pilstrinker aus dem Zugbistro. Draußen vor dem Abteilfenster ziehen mittlerweile endlose polnische Kiefernwälder vorbei, drinnen redet Maniscewski über die Gründe polnischer Krisenfestigkeit: „Vielleicht ist es unsere Flexibilität.“
Wer in Polen seinen Job verliere, der sattele sofort um, „auch wenn man etwas ganz anderes anfangen muss“. Er weiß, wovon er spricht: Nach Jahrzehnten als Bauzeichner sah Maniscewski vor zwei Jahren in seinem Job kaum noch Zukunft. „Die Aufträge wurden weniger, also hab ich geguckt, wo neue Chancen warten.“
Jetzt arbeitet er – als Masseur. „Die Menschen werden doch immer älter, das ist ein neuer Markt. So muss man eben heute denken.“
Banken und Binnenmarkt stabil
Polnischer Pragmatismus – vielleicht auch ein Grund dafür, warum das Land zwischen Oder und Weichsel bei ausländischen Unternehmen immer beliebter wird. Laut einer aktuellen Umfrage der deutsch-polnischen Handelskammer kürten deutsche Firmen Polen zuletzt mit Abstand zum beliebtesten Investitionsziel Mittel- und Osteuropas. Und nach Angaben des polnischen Statistikamts investierten ausländische Firmen von Januar bis März 3,5 Milliarden Euro in Polen. Mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum.
Solches Engagement schafft Jobs. Wie den von Jakub Marciszewski. Der 30-Jährige lehnt am Fenster im Gang des Zuges und knabbert Sesamstangen. In Rzepin ist er eingestiegen, zuvor hat er dort seinen Lkw mit Granulat für die Chemie-Industrie entladen.
Wegen der Lenkzeiten geht es per Zug zurück nach Kutno, „da achtet der Chef drauf“.
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